Samstag, 17 April, 2021

“Die Extremisten-Versteher”– wie der journalistische Kompass verlorengeht

Replik zum NZZ-Artikel vom 01.03.2021:

Die Extremisten-Versteher – Wie Medien islamistische Denkmuster verbreiten

Im NZZ-Artikel vom 01. März 2021 von Herrn Lucien Scherrer wird die SRF-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji der Verbreitung von pro-islamistischen Positionen bezichtigt und der muslimische Dachverband VIOZ in die Nähe einer «radikalen Muslimbruderschaft» gerückt. Es scheint, dass bei diesem Artikel der Kompass des professionellen Journalismus abhandengekommen ist.  

Der Beitrag wirft Amira Hafner- Al Jabaji permanente Befangenheit und Parteinahme zu Gunsten von muslimischen Verbänden vor, die quasi als Wölfe im Schafspelz daherkommen. Der Autor verkennt jedoch seinen eigenen Blickwinkel und die eigene Voreingenommenheit. Um verschiedene Akteure in einer medialen und gesellschaftlich-religiösen Debatte einordnen zu können, muss man auch eigene Annahmen hinterfragen können. So stellt der Sportler seine Waage zuerst auf auch null, bevor er anhand des aktuellen Körpergewichtes neue Trainingseinheiten plant.

Genau dieser Nullpunkt scheint in eine unmittelbare Nähe von Frau Keller-Messahli angesetzt zu werden, so dass zunehmende Abweichungen als radikal, bedrohlich und rückständig taxiert werden. Der «Bünzlimuslim» wird so, ohne weiteres Zutun, zum Träger von radikalem Gedankengut befördert.

Falls jemand versucht sein sollte, dies mit einem «Papperlapapp» abzutun, versuchen wir den Nullpunkt gemeinsam und transparent anzusetzen: Der gewöhnliche Muslim fastet während des Ramadans, was wohl eine der bekanntesten Eigenschaften der religiösen Praxis ist. Frau Keller-Messahli bezeichnet das Fastenbrechen am Abend als Völlerei ohne Sinn1. Die zweite Referenz, Hamed Abdel Samad, ist überzeugter Ex-Muslim und bezeichnet das Fasten vermutlich als Gehirnaustrocknungsprozess.

Muslime haben, wie auch andere Menschen, ab und an das Bedürfnis ein Gotteshaus zu besuchen. Darin wird für gewöhnlich gebetet und sogar Religionsunterricht erteilt. Es ist auch ein Ort der Besinnung und des Beisammenseins. Frau Keller-Messahli würde aber die allermeisten dieser Moscheen am liebsten schliessen lassen, da diese ihrer Meinung nach von obskuren Verbänden unterhalten seien und radikales Gedankengut befördern würden2. Ironischerweise stellt sie selbst klar, dass sie keine Moscheen in der Schweiz besucht3 und zeigt den Journalisten den vermeintlichen Hokuspokus lieber draussen von einer anderen Strassenseite aus. Man solle alle Moscheen und Prediger in der Schweiz stärker überwachen4, wobei Vorbeter und Imame mehrheitlich «islamistisch» 5 seien und vorzugsweise doch gleich alle ausgewiesen werden. Doch die Zusammenarbeit mit dem inländischen SZIG der Universität Freiburg ist merkwürdigerweise auch problematisch6. Der Bünzlimuslim soll sich seine Informationen aus den Fingern oder aus dem Internet saugen.

Zudem wird in der aktuellen Enthüllungsdebatte gerne über eine «Islamisierung» der Schweiz berichtet, die es zu verhindern gibt. Es wird jedoch ausgeblendet, dass sich bei neutraler Betrachtung auch die Reihen bei den praktizierenden Muslimen lichten. Um diesem Umstand entgegenzuwirken und den jungen Musliminnen und Muslimen eine bessere Infrastruktur zu bieten, werden hin und wieder moderne Moscheen gebaut. Dies ganz einfach darum, weil es im eingemieteten Industriegebäude nicht möglich ist, zeitgerechte Vereinsarbeit anzubieten. Der Übergang von einer Unscheinbarkeit zu einer Sichtbarkeit scheint einzelne Betrachter zu stören. Frau Keller-Messahli stellt solche Projekte regelmässig an den Pranger und spricht von arabischer Auslandfinanzierung und Indoktrinierung7. Obwohl die Projektverantwortlichen in den Moscheen ihre Bücher wiederholt für Journalisten und Behörden offengelegt haben, wird der Nullpunkt der Debatte in die Nähe von «Experten» gesetzt, die keine konkreten Belege für diese falschen Anschuldigungen vorgelegt haben.

Eine Neukalibrierung des Neutralitätssensors ist angezeigt

Falls der Nullpunkt der Debatte an einer Stelle angelegt werden soll, an welcher keine Moscheen mehr gebaut, keine Kinder mehr unterrichtet, keine Imame mehr weitergebildet und keine Seelsorge mehr angeboten werden soll, dann wären die Argumente im Artikel zutreffend. Wenn wir die Waage jedoch auf auf die Religionsfreiheit hin ausrichten, die sichtbare Religion zulässt, dann rücken «progressive Muslime» und «Aussteiger», die aus irgendwelchen Gründen Rache an der islamischen Lebensweise nehmen, plötzlich an den polarisierenden Rand hinaus.

Sobald nun Frau Amira Hafner Al-Jabaji diesen Umstand anprangert und eine faire Einordnung der Debatte wünscht, wird sie als Sprachrohr von «Islamisten» gebrandmarkt. Ihr Missetat ist, dass sie «unliebsamen Gästen» auf Augenhöhe begegnet, bzw. sie auch mal ausreden und ihre Gedanken zu Ende formulieren lässt. Oder anders gesagt: Wenn der Autor den Kurs der SRF-Moderatorin korrigieren möchte, müsste er dies vorleben, indem er sogenannte «Experten» und «progressive Muslime» kritisch hinterfragt und Belege einfordert. Sogenannte «Enthüllungsbücher», in welchen anonyme Zeitungsinserate als Quellen aufgeführt werden, müssten dann als nicht zufriedenstellend bewertet werden.

Enthüllung ist die neue Maxime

Unverständlicherweise setzt der Autor den medialen Häcksler auch bei der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich ‘VIOZ’ an. Dabei gibt es vermutlich keinen kantonalen Dachverband in der Schweiz, der eine bessere Zusammenarbeit mit den Behörden vorweisen kann. Seit nunmehr 25 Jahren geschieht hier alles offen zugänglich und es wird eine von allen Seiten sehr geschätzte Verbandsarbeit an den Tag gelegt. So ist z.B. die neu gegründete muslimische Seelsorgeorganisation QUAMS eine Antwort auf ein schon lange bestehendes Bedürfnis.

Die Frage dazu ist eher, ob das professionelle Gebot der Fairness eingehalten ist, wenn der Autor eine arabische Newsseite mit fraglichem Inhalt und einen aus dem Jahr 2013 stammenden Bericht ohne Autorennennung8 als Massstab zur Einordnung einer gut etablierten Zürcher Organisation anführt? Weshalb wird nicht die kantonale Direktion des Innern, oder falls erwünscht auch das Sicherheits- und Justizdepartement für eine Beurteilung herangezogen? Oder die Kantonspolizei, die Steuerbehörde, der Nachrichtendienst oder evtl. andere nichtmuslimische Organisationen, die mit der VIOZ erfolgreich zusammenarbeiten?

Wenn das einzige Indiz einer Verbindung der VIOZ zu den besagten Muslimbrüdern in der Tatsache besteht, dass der Gründer oder der aktuelle Präsident zufällig Ägypter sind, dann können wir den Versuch der Nullpunktsetzung auch wieder abbrechen. Die Frage ist dann viel eher, ob es nach einer solchen Ansicht überhaupt integre Muslime geben kann, wenn sie etwas für die religiöse Praxis in der Schweiz tun wollen.

Als Muslime stehen wir zur Schweizer Rechtsordnung, arbeiten mit den Behörden zusammen, stützen uns auf die verfassungsmässig garantierte Religionsfreiheit und werden nicht müde, uns weiterhin für einen gesellschaftlichen und sozialen Frieden einzusetzen. Das schreibt uns unser Glaube vor.

FIDS Medienteam, Ö. Günes. 03.03.2021

  1. Club, SRF, 05.06.2018
  2. https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/saida-keller-messahli-mehrheit-der-schweizer-imame-ist-islamistisch-ld.1312846?reduced=true
  3. https://www.tagesanzeiger.ch/in-schweizer-moscheen-werden-kinder-von-klein-auf-indoktriniert-607956060529
  4. https://www.bote.ch/nachrichten/schweiz/keller-messahli-moscheen-staerker-ueberwachen;art46447,1034242
  5. https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/saida-keller-messahli-mehrheit-der-schweizer-imame-ist-islamistisch-ld.1312846?reduced=true
  6. https://www.bazonline.ch/schweiz/standard/die-meisten-moscheen-sind-problematisch/story/15276075
  7. https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/wyna-suhre/prominente-islam-kennerin-misstrauisch-kommt-das-geld-fur-die-grosste-aargauer-moschee-aus-kuwait-ld.1225534
  8. https://en.arij.net/investigation/the-muslim-brotherhoods-sources-of-funding/

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