Dienstag, 21 September, 2021

Von Z. Nuredini

Die Gesellschaft hält es oft nicht für möglich, dass Frauen ein Kopftuch freiwillig tragen. Ich bin, wie viele andere muslimische Frauen, eine stolze Trägerin des Hijabs, das bedeutet ich verhülle nicht mein Gesicht, weil es nicht zu meinem Weltbild passt. Dennoch sollte jedem frei zur Verfügung stehen, wieviel sie von ihrem Körper zeigen möchte oder nicht. Ich trage das Kopftuch freiwillig, aus Überzeugung und aufgrund meines Glaubens, wie viele andere Frauen ebenfalls.

Die Blicke voller Hass oder Mitleid, die man mir oder uns zuwirft, sind sehr unangenehm. Diese Ausdrucksweise ist anmassend und verletzend. Sie müssen uns keinesfalls vom Kopftuch oder der Burka ‘’befreien’’. Ich habe Angst, dass ich meinen Willen bald nicht mehr frei ausleben kann. Es verletzt mich und andere Kopftuch- und auch Burkaträgerinnen, dass man ständig nur dieses Tuch oder die Bekleidung, welche aus ihrer Sicht unter Zwang getragen wird, in uns sieht. Ich habe manchmal das Gefühl, ich werde als Mensch nicht wahrgenommen und geschätzt. «Niemand zwingt mich mein Kopftuch zu tragen, ich trage es gerne und freiwillig!» Ich habe Soziale Arbeit studiert und nicht eine fehlende Bildung oder meine Erziehung hat zu diesem Entscheid geführt! Nein, ich habe dies so für mich entschieden. Kleider machen Leute, aber nicht automatisch Opfer einer Straftat! Ob eine Frau eine Burka freiwillig trägt oder nicht, muss ganz individuell gewertet werden. Sollte ein Mann, mit egal welchem ethnischen Hintergrund, eine Frau zu etwas zwingen, sie unterdrücken oder sogar Gewalt anwenden, stellt dies ein völlig anderes Problem dar, welches in unserem Strafrecht bereits geregelt ist. Es sollte für Frauen mit solchen Problemen mehr Kundgebungen gehalten werden, um ihnen eine geeignete Hilfestellung einer Institution, eines Frauenhauses oder rechtliche Unterstützung bieten zu können. Das Problem der Unterdrückung oder sogar häusliche Gewalt, ist durch ein Verbot der Burka, welche viele freiwillig tragen, nicht gelöst. Auch der Bundesrat und das Parlament lehnen diese Initiative ab, denn eine Gesichtsverhüllung wird als ein Randphänomen angesehen, zu dem schadet es den Tourismus und ist nicht sinnvoll für die betroffenen Frauen. Ausserdem wurde in der Arena am 29.01.2021 im Diskurs erwähnt, dass es sich nur um 30, höchstens 50 Burkaträgerinnen handelt. Oft werde ich gefragt, warum ich mich bedecke? “Zwingt dich dein Mann, die Eltern oder sogar die Schwiegereltern? Möchtest du das wirklich?” Ja! ICH möchte das genau so. Ich bin ebenfalls gegen Zwang, gegen Kinderehen, gegen Gewalt und gegen Unterdrückung und ebenfalls gegen eine solche Unterdrückung, welche die Stopp Extremismus-Initiative von Frauen, die das Kopftuch oder Burka freiwillig tragen und es eventuell bald nicht mehr dürfen, hervorbringen würde. Würden die Schweizer Bürger und Bürgerinnen sich in der kommenden Abstimmung dafür entscheiden, uns muslimischen Frauen dieses Grundrecht zu verwehren und mich und unseren eigenen Willen damit unterdrücken, wäre ich sehr enttäuscht und verletzt. Ich bin gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art und würde mich ebenfalls jederzeit für die Grundrechte eines anderen, für diese freie Kultur, welche die Schweiz vermittelt und für die Meinungs- und Religionsfreiheit jedes Menschen einsetzten, egal welche ethnischen Hintergründe er mitbringt. Die Menschen und ihr Glauben sind voller Vielfalt, die einen glauben an Jesus, die anderen an Buddha, die Juden tragen eine Kippa und so trage ich mein Kopftuch oder wie andere eine Burka. Vieles was man nicht kennt, ist schwierig nachzuvollziehen und zu verstehen. Ich verstehe, dass man die Frauen schützen will vor etwas, was sich die Schweizer Bevölkerung als quälend und einschränkend vorstellt. Jedoch ist nicht automatisch alles, was man nicht kennt oder versteht, schlecht. Will eine Frau ein Hijab oder eine Burka tragen, so soll sie dies tun dürfen. Wird eine Frau gezwungen ein Kopftuch oder eine Burka zu tragen, so liegt die Lösung des Problems der Unterdrückung nicht in einem generellen Verbot, welches meines Erachtens ebenfalls eine Unterdrückung darstellen würde. Hierbei beziehe ich mich auf die Diskussion am 29.01.2021, an der Herr Walter Wobmann, Nationalrat SVP/SO, Frau Susanne Vincenz Stauffacher, Nationalrätin FDP/SG, Herr Fabian Molina; Nationalrat SP/ZH und Frau Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam in der Arena. Aus dieser spannenden und doch vorwurfartigen Diskussion befürchte ich, dass für die Initianten nicht die Verhüllung in sich ein Problem darstellt, sondern der Islam und der Präsenz der Muslime hier in der Schweiz. Es scheint mir so, als ob man den Sack schlägt, aber den Esel meint. Ebenfalls verstehe ich, dass viele denken, dies stelle ein Problem für die Polizei bei der Identifizierung der Personen dar. Die Polizei darf namentlich eine Person durchsuchen, sofern ein Verdacht auf ein Vergehen oder Verbrechen besteht. Ebenso ist die Person verpflichtet, ihre Identität preiszugeben und sich somit vor der Polizei zu entmummen. Meines Erachtens müsste eine Lösung ohne Eingriff in die Grundrechte und Religionsfreiheit eines Menschen gefunden werden. Keine Frau, die eine Burka trägt, möchte damit jemandem Schaden oder die polizeilichen Aufgaben zum Schutz der Bevölkerung behindern. Eine angemessene Lösung für alle Beteiligten könnte beispielsweise sein, dass vermummte Personen ohne Verdacht auf ein Vergehen oder Verbrechen verpflichtet sind, sich zu entmummen, um ein Verdacht überhaupt erst feststellen zu können. Betrachtet man in Bezug auf die Befürchtung des Identifizierungsproblems die Zahlen der Burkaträgerinnen und die Zahlen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, welche sich aufgrund der aktuellen Gegebenheiten des ‘’Cool-seins’’ oder beispielsweise wegen Fussballspielen, sich die Kapuze bis fast über die Augen ziehen, Sonnenbrille und gegebenenfalls noch Ski- oder Corona-maske tragen, fällt die Anzahl der Burkaträgerin wohl massiv geringer aus, als die, der vermummten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich hoffe inständig, dass wir starken Frauen weiterhin selbst entscheiden dürfen, ob wir Minirock mit Sonnenhut und Brille, Kopftuch oder Burka, Schal oder Kapuzenpulli tragen wollen. Ich spreche nicht nur aus der Sicht der Musliminnen, sondern aus vielen Gesprächen, die sich ergeben haben, mit der Aufmerksamkeit auf die Burkainitiative. Da dran waren Musliminnen, unabhängig davon, ob sie verhüllt sind oder nicht, sowohl auch nicht Muslime, die gegen diese Initiative sind, beteiligt. Hierbei möchte ich besonders meine Schweizer Kollegin Nicole Schwanke, Xhemile Fetaji – die Corona Heldin und meine Deutsche Kollegin Jusra Ahmedi erwähnen und mich bei ihnen herzlich für ihre Offenheit und Einsatz gegen die Burkainitiative bedanken.

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