Mittwoch, 22 September, 2021

Die Anti-Minarett-Initiative wolle die Moslems an den Rand der Gesellschaft drängen, sagt der Thurgauer Arzt Hisham Maizar, Präsident der Föderation islamischer Dachverbände der Schweiz. Das SVP-Plakat schüre Hass.
In der Schweiz wird heftig über das Anti-Minarett-Plakat der SVP diskutiert. Was sagen Sie als Schweizer Muslim?
Hisham Maizar: Als Muslim fühle ich mich provoziert. Das Plakat verrät drei Aspekte: das wahre Gesicht der Initianten, die wahre Absicht der Initianten und ihr Unvermögen, mit Worten sachlich zu argumentieren.
Was erkennen Sie denn als wahre Absicht der Initianten?
Die Initianten führen eine Art Stellvertreterdebatte. Sie lancieren eine Initiative gegen Minarette. Aber es geht ihnen um die Eindämmung des Islams. Sie warnen immer wieder vor einer schleichenden Islamisierung. In Wahrheit wollen die Initianten die Entfaltung der religiösen Freiheit der Moslems beschneiden. Sie wollen sie an den Rand der Gesellschaft drängen. Dieses Abseitsstehen wollen wir Schweizer Moslems aber gerade beenden. Wir wollen uns transparent zeigen.
Die nichtmoslemische Mehrheit soll also sehen, was die Moslems machen.
Genau das. Nur so kann man den gesellschaftlichen und interreligiösen Frieden aufrecht erhalten.
Tatsache ist aber, dass die Angst vor islamischem Extremismus verbreitet ist. Haben Sie Verständnis dafür?
Glauben Sie, dass nur Nicht-Moslems Angst vor Extremisten und Terroristen haben? Wir Muslime fürchten uns genauso vor Terroristen. Wir sitzen diesbezüglich im selben Boot. Wir nehmen die Ängste ernst. Wir wehren uns aber dagegen, an den Terroristen gemessen zu werden, weil wir keine sind.
Zurück zum SVP-Plakat: Was finden Sie eigentlich schlimm daran? Es zeigt nur Minarette auf einer Schweizer Karte und eine Frau in der Burka.
Über lustige Plakate lacht man. Über informative Plakate denkt man nach. Aber derartige Plakate schüren Hass und führen zu einer Polarisierung, weil sie nicht wahrheitsgemäss informieren. Sie suggerieren, dass alle muslimischen Frauen in der Burka herumlaufen. Im Ernst: Wann haben Sie das letzte Mal hier in der Schweiz eine Frau in der Burka gesehen?
Einige Städte haben es verboten, dieses Plakat aufzuhängen. Ist das richtig?
Die Städte, die es verboten haben, haben ihre Argumente. Die Städte, die es erlauben, haben eine andere Abwägung gemacht. Vor beiden Seiten habe ich eine hohe Achtung.
Also ist die Auseinandersetzung mit dem Plakat auch in Ihrem Sinn?
Insofern, als dass derartig diskriminierende Plakate Gelegenheit geben, über die Absichten der Initianten nachzudenken.
Die Befürworter der Anti-Minarett-Initiative sagen, Minarette verkörperten einen islamischen Herrschaftsanspruch. Wieso wollen Sie Minarette bauen?
Die Moslems, die ihre Rituale und Gebete verrichten, identifizieren sich selbstverständlich mit den Symbolen des Islams. Was für einen Christen der Kirchturm ist, ist für den Muslim das Minarett. Seine Funktion besteht darin, darauf hinzuweisen, dass gerade in diesem Gebäude die Möglichkeit zur Absolvierung eines Gottesdienstes gegeben ist. Der Besuch des Freitagsgottesdienstes ist im Islam für die Männer obligatorisch und hat einen hohen Stellenwert.
Hat sich das Klima in der Schweiz gegenüber den Moslems verschlechtert?
Die Mehrheit hat sich in ihrem Verhalten nicht geändert. Sie sieht, dass derartige Kampagnen übertrieben sind. Wir spüren aber, dass eine kleine Gruppe aggressiver geworden ist.
Wie spüren Sie diese Aggressivität? In Worten oder in Taten?
In Worten. Da braucht man nur die einschlägigen Internet-Bloggs anzuschauen. Und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger zieht öffentlich eine Parallele zwischen dem Islam und dem Nationalsozialismus. Das ist eine schwere Entgleisung eines Politikers.
Die Gegner eines Minarett-Verbots warnen davor, dass sich das Image der Schweiz in der islamischen Welt verschlechtern könnte. Würden diese Länder wirklich negativ auf ein Minarett-Verbot reagieren?
Nein. Die Aussage ist folgende: Die Schweiz geniesst in den muslimischen Ländern einen sehr guten Ruf. Auf Unverständnis stösst dort aber, dass ausgerechnet in einem Land, das der Demokratie und den Freiheitsrechten einen so hohen Stellenwert einräumt, eine islamfeindliche Strömung hervortritt.
In einigen islamischen Ländern sind nicht einmal Kirchen erlaubt. Kritik am Verbot von Minaretten erscheint da fehl am Platz.
Ein Unrecht in einem anderen Land beantwortet man in der Schweiz nicht mit dem gleichen Unrecht. In der Schweiz ist man stolz, das Recht als Vorbild zu präsentieren.
(Quelle:ThurgauerZeitung)

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