Mittwoch, 28 Juli, 2021

Lausanne, 03.04.2016
drmontassar
Zum zweiten Mal wurde Dr. Montassar BenMrad, der neue Präsident der FIDS zur Sendung der Arena eingeladen. Das FIDS-Medienteam hat ihm ein Paar zusätzliche Fragen gestellt, wie er seine Teilnahme in der Sendung erlebt.
Dr. BenMrad, wie haben Sie die letzte Sendung der Arena erlebt ?
Es war eine spannende Debatte, in der mehrere komplexe Fragen gestellt wurden. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Ängste unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen zu verstehen und diese abzubauen. Die Muslime der Schweiz wollen den religiösen Frieden fördern. Dafür engagiere ich mich persönlich als Präsident der FIDS und als Vizepräsident des Schweizerischen Rates der Religionen (SCR). Obwohl das Thema ursprünglich den Islam in der Schweiz und das Zusammenleben beantworten sollte, hat es leider einen starken Fokus auf die Ängste gegeben. Diese Ängste müssen wir unbedingt abbauen, aber auch mit der Schweizer Realität relativieren. Den Fokus über das bessere Zusammenleben und den sozialen Frieden zu fördern hat mir gefehlt.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an solchen Debatten teilnehmen?
Unabhängig vom Inhalt ist es für mich eine Herausforderung, einer Debatte in Schweizerdeutsch teilzunehmen. Ich habe immer das Risiko, nicht alle Wörter korrekt zu verstehen. Französisch wäre natürlich einfacher gewesen. In Deutsch ist mein Wortschatz begrenzt, wenn es um religiöse oder soziale Themen geht. Dazu bin ich kein Theologe und kann nicht alle Fragen abschliessend beantworten.
Die Unterstützung von unseren Dachverbänden mit mehr als 170 Vereinen geben mir Kraft und Motivation an solchen Debatten aktiv teilzunehmen.
Das Thema Händedruck haben Sie nicht präzise beantwortet. Haben Sie ein Problem damit, Personen die Sie antreffen die Hand zu schütteln ?
Ich habe die Gewohnheit, Menschen die mir die Hand reichen, diese zu schütteln, das ist für mich völlig kein Problem. Es handelt sich dabei um eine wichtige Gewohnheit in unserer Gesellschaft. Die Hand einer anderen Person nicht zu schütteln wird in der Schweiz als Respektlosigkeit, Unhöflichkeit oder sogar als Aggression empfunden.
Wie laufen Begrüssungen mit Muslimen üblicherweise ab?
In der islamischen Tradition ist die Höflichkeit eine wichtige ethische Qualität im Umgang mit Menschen. Die Begrüssung ist zuerst verbal. „Friede sei mit Euch“ sind üblicherweise die ersten Worte bei einer Begegnung. Die entsprechende Gestik variiert je nach lokalen Bräuchen. Sie kann eine Hand auf die Brust in Richtung des Herzens, ein Händedruck oder eine Umarmung beinhalten. Manchmal fällt die Gestik weg. Die Begrüssungen zwischen Mann und Frau mit Händedruck sind üblich in einigen Ländern und unüblich in anderen. Vermeiden von physischen Kontakten in Begrüssungen zwischen Männern und Frauen wird oft mit einer Respektspflicht begründet um unangemessene Berührungen und ein gewisses Schamgefühl zu schützen. In der Schweiz ist dies jedoch unangebracht.
Verschiedene islamische Gelehrte haben klar bestätigt, dass ein gewöhnlicher Händedruck zwischen Mann und Frau theologisch erlaubt ist für eine einfache Begrüssung.
Weshalb haben Sie also mit „Ja und Nein“ geantwortet auf die Frage ob „man es akzeptieren soll, dass ein Schüler die Hand seiner Lehrperson nicht schütteln will“?
Nein“, man sollte es nicht akzeptieren weil die muslimischen Schüler Respekt gegenüber den Mitmenschen insbesondere den Lehrpersonen zeigen sollen. Folglich handelt sich um eine Praktik die einerseits das islamische Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt. Andererseits gibt es, wie oben beschrieben, keine eindeutige oder einstimmige theologische Meinung zu dieser Frage. Es ist wichtig, dass die betroffenen muslimischen Schüler Respekt gegenüber den Lehrpersonen zeigen die sie das ganze Jahr über unterrichten. Eine gute Beziehung zwischen Schülern und Lehrern oder Lehrerinnen ist ausserordentlich wichtig für die Entwicklung der Jugend. Dafür ist es wichtig die lokalen Gewohnheiten zu kennen um eine gute Integration zu gewährleisten.
Ja“, man soll manchmal Geduld haben weil es erfahrungsgemäss effizienter und zielführender ist solche Fragestellungen konstruktiv im Dialog anstatt in der Konfrontation zu lösen. Ob es wegen einzelnen Schülern wirklich eine offizielle Rechtsmeinung und eine Anpassung des Schulreglements braucht scheint mir unverhältnismässig. Wenn solche Fragen aufkommen lösen wir diese unkompliziert und ohne viel kontraproduktives Aufsehen.
Was empfehlen Sie betroffenen Lehrpersonen und Schülern ?
Den Lehrpersonen empfehle ich solche Fragestellungen mit einem kühlen Kopf und im Dialog anzugehen. Sie wollen ihren pädagogischen Auftrag pflichtbewusst ausführen, den Bürgersinn der Schüler fördern und gleichzeitig deren Diversität respektieren. Diesen Ansatz sollten wir stärken und unterstützen. Die FIDS steht gerne dafür zur Verfügung. Leider gibt es auch auf muslimischer Seite Akteure, welche die Provokation und den (juristischen) Konflikt dem Dialog vorziehen, dieses Vorgehen lehnen wir ab.
Die Schüler und Eltern möchte ich zur Reflexion anregen: kann die Verweigerung des Händeschüttelns wichtiger sein als das islamische Gebot des gegenseitigen Respekts? Der Austausch mit anderen Muslimen in der Schweiz sowie die Lektüre von Argumenten islamischer Gelehrten die für das Händeschütteln erlauben ist wichtig für eine differenzierte Sichtweise.
Interview des FIDS-Medienteams.
Medienkontakt und Pressesprecher:
Önder Güneş (D)  079 223 33 45
Pascal Gemperli (D+FR) 078 892 85 82
media@fids.ch
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Link zur Arena-Sendung:

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