Dienstag, 21 September, 2021

Ein Studienangebot für Imame und muslimische Pädagogen käme am ehesten auf Weiterbildungsstufe infrage. Dies ist ein Resultat der Arbeitsgruppe, die im Auftrag des Bundes die heikle Frage zu klären versucht.

C. W. Bern

Das Ziel, dass islamische Religionslehrer, Prediger und andere Betreuungspersonen mit der Schweiz vertraut und im westeuropäischen Kontext ausgebildet sein sollten, ergibt sich aus mehreren Interessen. Die Gesellschaft erhofft sich davon einen Beitrag zur Integration einer Bevölkerungsgruppe mit einer «fremden», beargwöhnten Religion. Und den hier aufgewachsenen Nachkommen von Migranten wird der Glaube in ihrer Sprache (auch im übertragenen Sinn) vermittelt, die eben immer weniger die Sprache des Herkunftslandes ihrer Eltern ist.

Echt und reflektiert

Der Weg zur Etablierung von Ausbildungsstrukturen ist allerdings, gerade auch wegen der diversen Erwartungen, schwierig. Dies zeigte sich an einer Tagung an der Universität Bern, an der Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Universitäten, Vorschläge der von ihm geleiteten Arbeitsgruppe präsentierte. Diese wurde 2010 vom Staatssekretär für Bildung, Mauro Dell’Ambrogio, eingesetzt, nachdem eine Studie den Bedarf näher ermittelt hatte.
Die islamische Theologie enthalte neben festen auch dynamische, vom gesellschaftlichen Wandel betroffene Elemente und sei in eine Beziehung zum jeweiligen Kontext zu setzen, sagte Mouhanad Khorchide, Professor an der Universität Münster, wo eines der vier deutschen Zentren für islamische Theologie besteht. In der Diskussion verwahrte sich ein Imam dagegen, dass man an die nichtkritisierbaren Fundamente der Religion rühre, wogegen ein anderer Exponent betonte, wer den Islam so schützen wolle, ersticke ihn. Die Authentizität der vermittelten Theologie, allerdings auch im Sinn der persönlichen Reflexion, ist der Arbeitsgruppe, der Personen aus Wissenschaft, Verwaltung und muslimischen Kreisen angehören, ein wichtiges Anliegen.
Wohl auch wegen des politischen Arguments, eine öffentliche theologische Ausbildung wirke der Fundamentalismus-Gefahr entgegen, wird teilweise eine staatliche Kontrolle befürchtet. Es geht aber um die Wahrung akademischer Standards durch die autonome Universität. Für die Vertrauensbildung bei den muslimischen Gemeinschaften – die Absolventen sollen ja auch angestellt werden – könnte ein konsultatives Begleitgremium vorgesehen werden.
Neben grundsätzlichen Fragen, wie sie sich ähnlich bei jeder Theologie stellen, aber auch lösen lassen, besteht schlicht die Ungewissheit, ob eine Einrichtung in der Schweiz die «kritische Masse» erreichen könnte, ob sie genug Studierende anziehen würde und ob sich die nötigen Dozenten und Nachwuchskräfte gewinnen liessen. Ohnehin wird man auf Kooperation mit ausländischen Universitäten angewiesen sein.

Bescheidener Anfang

Die Arbeitsgruppe schlägt vor, behutsam zu beginnen, und zwar mit einem Programm der Weiterbildung. Eine Universität sollte die Führung übernehmen und eine Professur schaffen, deren Inhaber einerseits das theologische Kernprogramm zu gewährleisten, anderseits für eine anwendungsorientierte Ergänzung zu sorgen hätte. Für das Zweite wäre auf das zurückzugreifen, was an Hochschulen aller Typen bereits angeboten wird in Islamwissenschaft, Pädagogik, Kommunikation, sozialer Arbeit und anderen Gebieten. Die Kosten hätten sich die beteiligten Institutionen und der Bund zu teilen.
Ein Lehrstuhl genüge bei weitem nicht, um den Fächerkanon und die Vielfalt des Islam abzudecken, wurde eingewandt. Loprieno setzt aber darauf, dass jeder Professor früher oder später nach Kollegen und einem vollen Studiengang strebe. Es wird nun sondiert, welche Universität als «leading house» infrage käme. Von einem intellektuellen Abenteuer (im positiven Sinn) sprach der Orientalist Reinhard Schulze (Bern). Es gelte, einem gesellschaftlichen Diskurs eine Heimat im akademischen Wettbewerb zu geben.
(Quelle NZZ)

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