Montassar Benmrad’s Beitrag zum Bulletin der SGAW

Muslimische Organisationen
in der Schweiz
Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer
Dachorganisationen Schweiz

Die Entwicklung der muslimischen Organisationen geschah hauptsächlich in den letzten Jahrzehnten. Am Anfang haben sich Gruppen von Muslimen zusammengeschlossen, um religiöse Grundbedürfnisse der lokalen Gemeinschaft zu erfüllen und wichtigen Anliegen wie Gebetsräumen nachzukommen. In vielen Fällen, wenn z. B. die Mehrheit der Mitglieder eines Vereins von einer gemeinsamen Ethnie abstammte, wurden die Aktivitäten meistens in der jeweiligen Muttersprache durchgeführt. Die Türen waren jedoch immer offen für Muslime aller Sprachen. Die Organisationsform dieser Gruppierungen   war üblicherweise der Verein.

Der Weg von lokalen Vereinen zu Dachverbänden

Nach einigen Jahren haben einzelne Vereine entschieden, ein eigenes Gebäude zu kaufen oder zu errichten, was einen grossen gemeinsamen Effort mit sich zog. Während dieser Zeit wurden manche Vereine in eine Stiftung überführt, um die  durch die Gemeinschaft mühevoll erstandenen Güter entsprechend dem schweizerischen Recht bestmöglich zu schützen. Die zahlenmässige und organisatorische Entwicklung der Muslime führte zu einem Koordinationsbedarf von Aktivitäten und dem Bündeln der Anstrengungen über die lokalen Gemeinde- oder Kantonsgrenzen hinaus. Da die ersten Dachverbände auf der Basis von Ethnien gegründet wurden und der gegenseitige Austausch in einer Schweizer Landessprache nicht einfach war, kamen die Vereine im Dialog nicht massgeblich vorwärts. Solche Dachverbände wurden vor mehr als 20 Jahren gegründet und haben seitdem eine grosse Fülle von gut besuchten Aktivitäten auf die Beine gestellt. Diese Anlässe werden oft immer noch in der entsprechenden Sprache durchgeführt.

Kantonale Gruppierungen

Um dem Schweizer Föderalismus zu entsprechen, haben sich die Muslime auch kantonal gruppiert, damit sie
religiöse Anliegen auf Kantonsebene einbringen können. In einem ersten Schritt waren Vertreter von grossen Städten dazu bereit über spezielle Themen wie muslimische Grabfelder oder Schulen zu sprechen. Eine parallele Diskussion mit mehreren muslimischen Vertretern war jedoch aus verständlichen Gründen unerwünscht. Daher haben sich unterschiedliche, ethnisch organisierte Vereine schrittweise kantonal oder regional zusammengeschlossen und kommunizieren untereinander in einer Schweizer Landessprache, da sie nun aus unterschiedlichen Ethnien bestehen und diese Sprache das Bindeglied wurde. Alle
diese Dachverbände wollen sowohl die Zusammenarbeit fördern als auch Brücken zu den Behörden bilden. Die bundesweite Zusammenarbeit zwischen gewissen Dachverbänden wurde zuerst durch einen Koordinations – und Netzwerkaufbau von Organisationen wie der KIOS gestartet (Koordination Islamischer Organisationen Schweiz). Der Wunsch der Muslime das Verhältnis zwischen den muslimischen Dachverbänden und Vertretern des Bundes zu stärken und gemeinsame Wege für eine
Zusammenarbeit zu finden, führte im Jahr 2006 zur Bildung der FIDS (Föderation Islamischer Dachorganisationen
in der Schweiz) auf nationaler Ebene. Heute repräsentiert die FIDS bundesweit mehr als 200 Vereine, die in kantonal und ethnisch aufgebauten Dachorganisationen Platz nehmen. Die FIDS ist die einzig national tätige und als Verband aufgebaute muslimische Organisation in der Schweiz.

Erfahrungen mit anderen Kulturen
und Religionen

Die Mitglieder der muslimischen Organisationen haben über die Jahre eine grosse Diversität an Kultur- und Religionspraktiken in ihrer eigenen Gemeinschaft miterlebt. Anstelle der Ausübung eines starren Verständnisses auf die eigene Religion und eigene Praktiken, welche aus dem jeweiligen Heimatland rühren, haben Vereine in der Schweiz eine breite Vielfalt von Religions- und Kulturdiversität im Austausch mit der Schweizer Gesellschaft erfahren. Ein typisches Beispiel dafür ist der Monat 51 Ramadan, in welchem ganz verschiedene traditionelle Gerichte und unterschiedliche Gebetsweisen aufeinandertreffen. Es gibt sogar Unterschiede bezüglich des Tages des Fastenbeginns oder der Tageszeiten. Die Interaktion mit anderen Kulturen und Religionen geschieht meistens dann, wenn Vereine ihre wichtigsten
Bedürfnisse gedeckt und eine gewisse Maturität erreicht haben. Es ist oft eine Frage der verfügbaren Zeit und der Ressourcen, da viele Aktivitäten ehrenamtlich erledigt werden. Sprachbarrieren oder der fehlende Mut zum ersten Schritt können den Eintritt in den Dialog verlangsamen.

Verbesserter Austausch

Der Dialog hat sich seit Anfang dieses Jahrhunderts bedeutend entwickelt und beschleunigt. Einige Aktivitäten wurden durch die Muslime selber in die Wege geleitet, um ihre Türen für die Nachbarschaft zu öffnen, z. B. Tage der offenen Tür, oder um Brücken mit wichtigen Ansprechpartnern in der Gesellschaft zu bilden, wie z. B. Einladungen zu Debatten mit lokalen Verantwortlichen, Einladungen zu einem gemeinsamen Essen oder gemeinsame gesellschaftliche Projekte. Ein wichtiger Anteil zur Entwicklung des interreligiösen Austauschs wurde durch etablierte Kirchenvertreter geleistet, die Muslime in den Dialog miteinbezogen haben. Obwohl dieser Dialog zu Beginn von Partnern aller Seiten mit Skepsis begutachtet wurde, kam doch die Erkenntnis zutage, dass solche Gespräche unabdingbar für einen religiösen Frieden sind. Es haben sich spezielle Gruppen gebildet, die einen bilateralen Dialog zwischen Christen und Muslimen etabliert haben. Andere Organisationen wie z. B. die IRAS COTIS haben die verschiedenen Dialoge erleichtert und erfolgreich Erfahrungen auf andere Orte übertragen. Der Dialog, der in grossen Schweizer Städten seinen Anfang nahm, ist gewachsen und hat Eingang in kleinen Dörfern gefunden. Auf Bundesebene nehmen Muslime auch am Rat der Religionen teil. Zusammen einen fruchtbaren Dialog in der Gesellschaft schaffen Der Erfolg dieses Dialogs hängt erfahrungsgemäss stark vom gewählten Ansatz ab. Die wichtigsten Zutaten für einen ergiebigen und nachhaltigen Dialog sind: gegenseitiger Respekt, gemeinsame Ziele und konkrete Aktionen.
Einige falsche Annahmen haben in den letzten Jahren den Dialog mit den Muslimen erschwert. Ängste und Befürchtungen bremsen diesen Prozess. Oft sehen sich Muslime dazu gedrängt, sich eingangs eines Gesprächs von Praktiken oder dem Verhalten anderer Muslime in der Welt distanzieren zu müssen, obwohl ihnen diese ohnehin äusserst fern liegen. Ein aufrichtiger Dialog sollte jedoch im aufrichtigen, gegenseitigen Vertrauen starten, um erfolgreich zu sein. Dasselbe gilt für religiöse Praktiken oder sichtbare religiöse Symbole wie zum Beispiel das Kopftuch – Vorurteile werden vom Gegenüber immer wahrgenommen und schmälern die Vertrauensbasis. Auch einseitige Dialoge, respektive doppelte Monologe, sind noch ab und zu feststellbar. Dabei wird üblicherweise die Fruchtbarkeit eines veritablen, tiefgründigen Austausches für alle Teilnehmer vergessen. So entsteht nur vermeintlich der Eindruck eines Dialogs, doch eigentlich leiden beide Seiten an einem Zuhör- Defizit, bei dem eigene Argumente mehrfach wieder- holt statt durch andere Perspektiven weiterentwickelt werden.

Gegenseitiges Verständnis entwickeln

Ein Verständnis für die beidseitigen Interessen bildet die Grundlage eines erfolgreichen Dialogs. Es ermöglicht den Beteiligten ihre Anliegen einzubringen und beinhaltet Wege bzw. Prinzipien, die beide Seiten im Dialog akzeptieren. Dies mindert zudem die Angst vor versteckten oder vordefinierten Traktanden und schafft Vertrauen, mit dem beide Seiten als gleichwertige Gesprächspartner den Dialog positiv mittragen. Dennoch darf sich der Dialog nicht nur auf Worte begrenzen, um nachhaltig zu sein und Wirkung zu entfalten. Erst konkrete gemeinsame Aktionen transformieren den Dialog in den gelebten Alltag und festigen so den weiteren Austausch. Das Ziel sollte daher sein, nicht nur zusammen zu leben, sondern vielmehr zusammen zu wirken. Der Dialog wird somit unabhängig von vermittelten Feindbildern gestärkt und wird weiter wachsen können.